Im Morgengrauen des 26. April 1986 ereignete sich im Block 4 des sowjetischen Kernkraftwerkes Tschernobyl eine Katastrophe, welche die Fachwelt schockierte und einen Grossteil der Bevölkerung Europas in Angst versetzte.
Was ist geschehen und warum? War der Unfall vermeidbar? Sind solche Katastrophen untrennbar verbunden mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie?
Beim Kraftwerk handelte es sich um eine Kernanlage, deren Reaktoren, Betriebs- und Sicherheitseinrichtungen rein sowjetischer Herkunft und ursprünglich für die Produktion von Waffen-Plutonium konzipiert waren. Ihr Verhalten in gewissen Betriebsbereichen hätte selbsttätige Sicherheitseigenschaften erfordert, wie sie in Kernkraftwerken westlicher Konstruktion selbstverständlich sind. Der Reaktorkern enthielt im Gegensatz zu unseren Anlagen grosse Mengen brennbaren Graphits, was dann zu einem verheerenden Brand führte. Zudem verfügte das Kraftwerk über keinen umhüllenden Sicherheitsbehälter. Solche Kernkraftwerke wurden ausschliesslich in der ehemaligen Sowjetunion gebaut und betrieben. Vermutlich wären sie nicht einmal in den damaligen Ostblockländern, geschweige denn im Westen genehmigungsfähig gewesen.
Am Vortag des Unfalles begann man im Kraftwerk mit der Durchführung eines Experimentes für die Notstromversorgung, bei welchem der Reaktor mit sehr niedriger Leistung - in dieser Anlage ein instabiler Bereich - betrieben werden musste. Da der Reaktor in diesem Betriebszustand sich immer automatisch abzuschalten drohte, wurde auf Anweisung des den Versuch leitenden Ingenieurs, der nicht zur Belegschaft des Kraftwerkes gehörte, die automatische Schnellabschaltung vorübergehend ausser Betrieb genommen!
Die Anlage wurde unter der Leitung eines Beamten des Moskauer-Energieministeriums, der unter Erfolgsdruck stand und seltsamerweise in Tschernobyl über Weisungsbefugnisse verfügte, von einer übermüdeten Mannschaft - die Ablösung des Schichtpersonals wurde im Interesse der erfolgreichen Durchführung des Experimentes verschoben - regelrecht ins Verderben gefahren!
Das Experiment war unnötig; es wurden verbotene Betriebshandlungen vorgenommen und die Katastrophe war vermeidbar.
Sie konnte sich nur im damaligen politischen und gesellschaftlichen System, verbunden mit der heiklen Reaktorbauart ereignen. Aus technischen und organisatorischen Gründen ist dieses Ereignis keineswegs vergleichbar mit anderen Kernkraftwerken in anderen Staaten. Als Folge wurde die WANO (World Association of Nuclear Operators) gegründet. Sie fördert und überwacht weltweit den sicheren Betrieb der Reaktoren, die der friedlichen Nutzung der Kernenergie dienen.
Und die Folgen? Wie sieht es mit den zum Teil gezielten Desinformationen über Zehntausende von Toten und Tausende von Missgeburten aus?
Gemäss einer Studie von Kernenergie-unabhängigen UNO-Organisationen *) aus dem Jahr 2002, also 16 Jahre nach der Katastrophe, (deren grundsätzliche Aussagen auch heute noch gültig sind) lassen sich die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl wie folgt zusammenfassen:
- Von den am meisten strahlenexponierten Personen sind ca. 40 wegen direkter Strahlenwirkung gestorben
- Bei einer Gesamtbevölkerung in Ukraine und Weissrussland von rund 70 Mio. Menschen sind ca. 2'000 Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern aufgetreten und meist erfolgreich behandelt worden (4 Todesfälle)
- Es ist keine relevante Erhöhung der Anzahl von Leukämiefällen feststellbar, was aus medizinischer Sicht und Erfahrung darauf schliessen lässt, dass es sich auch bei anderen Krebsarten ähnlich verhält
- Es wurden bis heute keine genetischen Defekte und Missbildungen festgestellt, deren Ursache auf radioaktive Einwirkungen zurückzuführen sind.
Wahrscheinlich sind die Folgen von Angst, Verunsicherung, Evakuation, Arbeitslosigkeit, falschen Massnahmen etc. im Zusammenhang mit der Tschernobyl-Katastrophe schwerwiegender als die direkten gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlung.
Der Verlust von Menschenleben, die vielen schweren menschlichen Schicksale, sind umso bedauerlicher im Hinblick auf die Tatsache, dass der Unfall leicht hätte vermieden werden können.
*) « Human Consequences of the Tschernobyl Reactor Accident – A Strategy of Recovery » veröffentlicht 2002 von WHO (World Health Organisation – Welt-Gesundheits-Organisation), UNICEF (United Nations Childrens' Fund Fund – UN-Fonds für Kinder), OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs – Zentralstelle der UNO für die Koordination von humanitären Tätigkeiten) und UNPD (United Nations Procurement Division – Entwicklungsprogramm der UNO).
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